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Corpus der barocken Deckenmalerei
in Deutschland (CbDD)

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Dissertationsprojekt:

Katrina Weißer M.A.

Schloss Arnstorf und die Fresken von Melchior Steidl – Landschlösser und ihre Ausstattung als Medien der Repräsentation und Selbstdarstellung adliger Eliten im frühen 18. Jahrhundert (AT)

Den Kern dieser Untersuchung bilden die umfangreichen Wand- und Deckenfresken des Malers Melchior Steidl von 1714 in Schloss Arnstorf, dem ehemaligen Adelssitz einer gleichnamigen Grundherrschaft im heutigen Niederbayern. Sie entstanden im Zuge der baulichen Erweiterung des Landschlosses zum Stammsitz der Familie unter Freiherr Georg Franz Anton von Closen (1680–1739). Zu dieser repräsentativen Ausgestaltung gab dessen Heirat mit der höher gestellten Gräfin Felicitas Maria Theresia von Montfort (1680–1764) Anlass. Sie ist zudem Ausdruck der Ansprüche und Ambitionen des Bauherrn, die sich auch in dessen Streben nach einer Karriere am kurbayerischen Hof und der 1738 erlangten Standeserhöhung manifestieren.

Neben der malerischen Ausstattung sind weitere Dekorationen wie Skulpturen und Wandbespannungen sowie die bislang nicht aufgearbeitete Baugeschichte des ehemaligen Wasserschlosses Aspekte der Analyse. So soll dieses seltene, bislang kaum zugängliche und daher wenig erforschte Innenraum-Ensemble vom Beginn des 18. Jahrhunderts anhand erhaltener Bild- und Schriftquellen untersucht werden. Dabei spielen sowohl der Auftraggeber und der historische, politische und sozio-kulturelle Entstehungskontext als auch der Vergleich mit ungefähr zeitgleichen Ausstattungen adeliger Landschlösser im frühen 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle.

In der kunsthistorischen Forschungsliteratur fand Schloss Arnstorf bislang nur in der Monografie zu Melchior Steidl von Meinecke 1971 und in allgemeinen Darstellungen sowie Denkmaltopografien zu bayerischen Schlössern Erwähnung. Für die geplante Arbeit können neben den Forschungen zur Residenzkultur – die sich jedoch stark auf fürstliche und landesherrliche Bauten konzentrieren –, jüngere Arbeiten zum Thema des Adelssitzes sachlich wie methodisch Orientierung geben: So zum Beispiel die architekturgeschichtliche Untersuchung schottischer Adelssitze von Charles Wemyss 2014, die der Einordnung des Phänomens „Landschloss“ im europäischen Kontext dienen kann, sowie die auf Fragen der Repräsentation ausgerichtete Studie zur Villa Poggio Imperiale von Ilaria Hoppe 2012.

Entgegen der bisherigen kunsthistorischen Auseinandersetzung mit Schloss Arnstorf, die punktuell auf den Festsaal fokussierte, strebt die geplante Studie eine ganzheitliche Untersuchung an. Die Analyse der ikonografischen, funktionalen wie medialen Spezifika des Ausstattungsprojektes soll es ermöglichen, Rückschlüsse über das Gesamtprogramm zu ziehen und Anspruchsniveau sowie Adressatenkreis zu eruieren. Folgende Fragen sind dabei leitend: Wie lässt sich das Verhältnis und Zusammenspiel der an der Ausstattung beteiligten Künste beschreiben und welche Rolle übernimmt insbesondere die Deckenmalerei? Was ist die mediale Funktion der Architektur und Ausstattung des Schlosses und inwiefern tragen sie zu Repräsentation und Selbstdarstellung der Familie des Auftraggebers bei?

Ein weiteres Augenmerk der Arbeit liegt auf dem Schaffen Melchior Steidls, der vor den Fresken in Arnstorf für so einflussreiche Auftraggeber wie Kurfürst Lothar Franz von Schönborn (1655–1729) gearbeitet hatte. Sein Oeuvre wurde bis dato in der einzigen Monografie zu Steidl von 1971 gesamtheitlich untersucht. Mithilfe der detaillierten Untersuchung der Arnstorfer Fresken und der ihnen zugeschriebenen Entwurfszeichnungen sollen gestalterische Mittel, Vorlagen, Werkstatt und Arbeitsweise sowie Auftraggeber-Netzwerk des Künstlers neu beleuchtet und bewertet werden. Durch den Vergleich mit seinen anderen Werken können die Merkmale und Besonderheiten der Malereien in Arnstorf herausgestellt werden.

Um die Architektur und Ausstattung von Schloss Arnstorf einordnen zu können, werden ungefähr zeitgleich ausgestaltete Landschlösser zur Gegenüberstellung herangezogen. Hierfür bieten sich die weiteren Schlossbauten der Familie von Closen und jene ihrer Standesgenossen an, so zum Beispiel die Hofmarkschlösser Alteglofsheim und Schönach der Grafen von Königsfeld. Aber auch außerhalb des bayerischen Herzogtums gelegene Landschlösser sind relevant, wie die 1708 neu eingerichtete Residenz der Grafen von Hohenlohe-Weikersheim. Im Abgleich der baulichen wie künstlerischen Gestaltung der Adelssitze werden Gemeinsamkeiten und typologische Merkmale herausgestellt. Dabei ist zu diskutieren, inwiefern die untersuchten Landschlösser als Medien der aristokratischen Repräsentation gelten können, auf welche Vorbilder sich die Auftraggeber bezogen und welche Ansprüche sich darin offenbaren. So soll am Ende der Arbeit mit dem Blick auf die Selbstdarstellung niederadeliger Eliten im Alten Reich ein Beitrag zur Adels- und Hofkultur des 18. Jahrhunderts entstehen.